carnivore diät fleisch

Die Carnivore-Diät im Faktencheck: Trend oder Gesundheitsrisiko?

Ob als Reaktion auf den Vegan-Trend, als radikale Abnehmstrategie oder als Versuch, chronische Beschwerden in den Griff zu bekommen – die Carnivore-Diät sorgt für Diskussionen.

Kaum ein Ernährungskonzept polarisiert derzeit stärker. Während ihre Anhänger auf erstaunliche Erfolge schwören, warnen Mediziner und Ernährungswissenschaftler vor gesundheitlichen Risiken. Was steckt wirklich hinter dem Ernährungstrend, der auf Fleisch, Fleisch und nochmals Fleisch setzt?

Was ist die Carnivore-Diät?

Die Carnivore-Diät, auch Fleisch- oder Fleischfresserdiät genannt, basiert auf dem radikalen Konzept, ausschließlich tierische Lebensmittel zu konsumieren. Pflanzliche Produkte – darunter Obst, Gemüse, Getreide, Hülsenfrüchte, Nüsse oder Öle – sind komplett ausgeschlossen. Erlaubt sind hingegen Fleisch (vor allem rotes Fleisch), Innereien, Fisch, Eier und manchmal auch bestimmte Milchprodukte wie Butter oder Hartkäse.

Der Ursprung dieser Diät liegt teils in historischen Experimenten, teils in der Kritik an modernen, industriell verarbeiteten Lebensmitteln. Heute ist sie vor allem durch soziale Medien bekannt geworden. Influencer wie der ehemalige Orthopäde Dr. Shawn Baker oder der Psychologe Jordan Peterson preisen sie als „Heilmittel“ für alles von Depressionen bis zu Autoimmunerkrankungen.

Eine extreme Variante ist die sogenannte „Lion Diet“, die ausschließlich aus Rindfleisch, Salz und Wasser besteht. Sie wird unter anderem von der Podcasterin Mikhaila Peterson vertreten, die damit angeblich ihre chronischen Gesundheitsprobleme in den Griff bekommen hat.

Welche Vorteile versprechen sich Befürworter?

Die Befürworter der Carnivore-Diät verweisen vor allem auf subjektiv empfundene Verbesserungen. Viele berichten von einem klareren Kopf, stabilerem Energielevel, weniger Blähungen oder Hautproblemen und einem allgemein besseren Wohlbefinden. In Internetforen kursieren Erfolgsgeschichten über Menschen, die mit der Diät chronische Entzündungen, Gelenkbeschwerden oder depressive Symptome gelindert haben wollen.

„Ich habe 20 Kilo abgenommen, meine Blutwerte haben sich normalisiert und ich habe seit einem Jahr keine Migräne mehr“, schreibt ein Nutzer in einem bekannten Carnivore-Forum.

Ein weiterer Pluspunkt: Die Diät ist denkbar einfach. Kein Kalorienzählen, keine komplizierten Mahlzeitenpläne. Was auf den Teller kommt, ist klar definiert. Das macht die Umsetzung für viele überraschend leicht.

Einige Studien deuten darauf hin, dass eine Reduktion der Kohlenhydratzufuhr zu einer Stabilisierung des Blutzuckers führen kann – insbesondere bei Menschen mit Typ-2-Diabetes oder metabolischem Syndrom. Zudem berichten viele Carnivore-Anhänger von einem Verlust an Körperfett, was allerdings nicht spezifisch dieser Diät zuzuschreiben ist, sondern eher dem Kaloriendefizit und dem Verzicht auf verarbeitete Lebensmittel.

Was sind die Risiken und Nachteile?

Trotz der euphorischen Berichte gibt es gewichtige Bedenken. Ernährungswissenschaftler kritisieren vor allem die einseitige Nährstoffzufuhr. Wer sich ausschließlich von tierischen Produkten ernährt, läuft Gefahr, essenzielle Mikronährstoffe wie Vitamin C, Ballaststoffe, Magnesium, Kalium, Folsäure oder sekundäre Pflanzenstoffe nicht in ausreichender Menge aufzunehmen.

„Die Carnivore-Diät mag kurzfristig gewisse Erfolge bringen, ist aber langfristig potenziell gesundheitsschädlich. Besonders kritisch sehe ich das Fehlen von Ballaststoffen und antioxidativ wirksamen Pflanzenstoffen“, sagt Dr. Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

Auch die Auswirkungen auf den Cholesterinspiegel geben Anlass zur Sorge. Mehrere Erfahrungsberichte dokumentieren einen Anstieg des LDL-Cholesterins („schlechtes Cholesterin“) bei Langzeit-Anwendern der Diät. Die erhöhte Zufuhr gesättigter Fette könnte somit das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen.

Weitere Nebenwirkungen, über die berichtet wird, umfassen:

  • Verdauungsprobleme wie Verstopfung oder Durchfall
  • erhöhte Harnsäurewerte mit Risiko für Gicht
  • Nierensteinbildung durch hohe Proteinaufnahme
  • Mangelerscheinungen nach mehreren Monaten

Ein besonderes Problem: Es fehlen bislang belastbare wissenschaftliche Studien. Die meisten Daten stammen aus Selbstberichten und Online-Umfragen. Langzeitstudien zu den gesundheitlichen Effekten einer rein tierischen Ernährung gibt es bislang nicht.

Was sagen Fachgesellschaften und Experten?

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung lehnt die Carnivore-Diät klar ab. Auch internationale Institutionen wie die American Heart Association oder Harvard Medical School warnen vor einseitigen, extremen Diätformen.

„Eine vollwertige Ernährung sollte möglichst viele pflanzliche Lebensmittel enthalten. Sie liefern wichtige Ballaststoffe, Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe, die in tierischen Produkten schlicht nicht vorkommen“, so eine Stellungnahme des Harvard T.H. Chan School of Public Health.

Die meisten Ernährungsexperten empfehlen stattdessen ausgewogene Diätformen wie die Mittelmeerkost, die auf Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Fisch und hochwertige Fette setzt – und durch zahlreiche Studien wissenschaftlich gut belegt ist.

Was sagen Kritiker und Verteidiger der Carnivore-Diät?

Auch innerhalb der Fachwelt gibt es Diskussionen. So gibt es Stimmen, die darauf hinweisen, dass individuelle Reaktionen auf bestimmte Lebensmittelgruppen stark variieren können. Einige Menschen berichten tatsächlich von Besserungen bei Autoimmunerkrankungen, wenn sie auf Pflanzenstoffe verzichten.

Der Biochemiker Nick Norwitz weist in einem Interview darauf hin, dass die Wirkung pflanzlicher Lebensmittel auf manche Menschen paradox negativ sein könne: „Nicht jeder verträgt Oxalate, Lektine oder FODMAPs gleich gut. In solchen Fällen kann eine stark reduzierte Diät vorübergehend sinnvoll sein – unter ärztlicher Begleitung.“

Trotzdem mahnt auch er zur Vorsicht und betont die Bedeutung regelmäßiger Blutkontrollen und individueller Risikobewertung: „Wer sich dauerhaft carnivor ernähren will, sollte das nicht leichtfertig tun.“

Umweltaspekte und ethische Überlegungen

Ein Aspekt, der oft übersehen wird: Die ökologische Bilanz der Carnivore-Diät ist katastrophal. Eine Ernährung, die ausschließlich auf tierische Produkte setzt – insbesondere auf Rindfleisch –, verursacht deutlich höhere CO₂-Emissionen als pflanzenbasierte Kost. Zudem ist der Wasserverbrauch in der Fleischproduktion immens.

„Wenn alle Menschen sich carnivor ernähren würden, wäre das eine ökologische Katastrophe“, sagt der Umweltwissenschaftler Prof. Michael Schröder. „Die industrielle Tierhaltung ist einer der Haupttreiber des Klimawandels.“

Auch aus ethischer Sicht ist die Diät umstritten. Der tägliche Verzehr großer Mengen an Fleisch steht in krassem Gegensatz zum wachsenden gesellschaftlichen Bewusstsein für Tierwohl und nachhaltige Ernährung.

Radikal, riskant und nur in Ausnahmefällen sinnvoll

Die Carnivore-Diät ist ein extremes Ernährungskonzept, das derzeit vor allem durch Social Media Aufmerksamkeit erlangt. Ihre Anhänger berichten von spektakulären Erfolgen, doch wissenschaftlich fundierte Belege fehlen weitgehend. Während sie in Einzelfällen tatsächlich Linderung bringen mag – etwa bei schweren Unverträglichkeiten oder bestimmten chronischen Erkrankungen –, birgt sie für die Allgemeinbevölkerung erhebliche Risiken.

Wer die Diät dennoch ausprobieren möchte, sollte dies nur für einen begrenzten Zeitraum und unter ärztlicher Aufsicht tun. Eine regelmäßige Kontrolle der Blutwerte und eine Ergänzung kritischer Mikronährstoffe sind unerlässlich.

Langfristig ist die Empfehlung klar: Eine vielfältige, überwiegend pflanzenbasierte Ernährung bietet nicht nur die nötige Nährstoffversorgung, sondern auch zahlreiche präventive Effekte – für den Körper, das Klima und die Gesellschaft.

0 Kommentare zu “Die Carnivore-Diät im Faktencheck: Trend oder Gesundheitsrisiko?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert